Wie ich Ess-Störungen verstehe

„Wenn ich die Welt um mich herum schon nicht beeinflussen und ändern kann, kann ich wenigstens meinen Körper, meine Figur ändern und kontrollieren. Das hilft.“ „Wenn ich so unglücklich und unzufrieden mit mir und der Welt bin, ess’ ich einfach etwas. Essen legt sich so sanft auf mein Gemüt. Und dann geh ich halt aufs Klo. Denn dick werden will ich auf keinen Fall!“ „Essen beruhigt, Essen tröstet. Nur noch dieses Stück Kuchen. Einmal ist keinmal! Und nach mir die Sintflut!“

Ess-Störungen sind Versuche, die Schwierigkeiten mit sich und der Welt zu lösen. Zu Beginn der Störung sind sie der beste Ausweg, der den Betroffenen zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung steht. Schritt für Schritt, durch mehrfach wiederholte Erfahrungen lernen Ess-Gestörte, sich durch Hungern oder durch maßloses Essen ein bisschen wohler zu fühlen. Und wenn sie sich ein bisschen wohler fühlen, ist es vielleicht nicht mehr so wichtig, wirkliche Lösungen für die eigentlichen Schwierigkeiten zu suchen. Vielleicht fällt einigen noch nicht einmal auf, dass sie sich mit einem Ersatz, mit einem Trostpflaster zufrieden geben. Und vielleicht liegen wirkliche Lösungen ja auch gar nicht in ihrer Reichweite.

Außerdem: eine Weile lang klappt ja alles besser „Die Welt um mich herum ist, wie sie ist, aber ich weiß, wie ich ganz alleine dafür sorgen kann, dass ich nicht mehr so unglücklich und unzufrieden bin.“ Bis der Zeitpunkt kommt, an dem die Ess-Störung Angehörigen auffällt, und diese aktiv werden. Oder bis Ess-Gestörte selbst merken, dass ihre Welt enger und begrenzter wird, während die Störung wächst, chronisch wird, sich selbständig macht und immer mehr Platz einnimmt. Bis sie merken, dass sie in der Falle sitzen: was einst hilfreich war, wendet sich nun gegen sie.

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