Wie ich Ess-Störungen verstehe
Welche Verfahren in der Psychotherapie von Ess-Störungen angewandt werden, und wie ambulant oder stationär arbeitende Psychotherapeuten Ess-Störungen verstehen, hängt zusammen mit ihrer Aus- und Fortbildung („Schule“). Mit meinem humanistisch-systemisch-konstruktivistischen Hintergrund verstehe ich Ess-Störungen so:Mädchen, Frauen, Männer entwickeln eine Ess-Störung, wenn sie in ihrem Leben anecken, wenn wichtige Dinge in ihrem Leben nicht funktionieren, wenn die Beziehungen zu Eltern, Familienmitgliedern, Mitschülern, Freunden, Lebenspartnern, Lehrern, Berufskollegen nicht rund laufen, wenn sie mit sich selbst nicht im Reinen sind und sie deshalb unter Hochdruck stehen.
Warum gerade das Hungern, das maßlose Vollfuttern, das Erbrechen für die Betroffenen ein Ausweg ist, ist für Angehörige und Freunde - sofern sie von der Störung überhaupt etwas mitbekommen - oft nicht nachvollziehbar. Warum verhalten sich Ess-Gestörte in einer Krise nicht einfach anders? Warum entwickeln sie überhaupt eine Ess-Störung?
Manche hat eine Freundin auf die Idee gebracht, manchen hat es ein Familienmitglied vorgelebt, manche wurden selbst fündig. Unglücklich, unzufrieden, unruhig und auf der Suche: in diesem Zustand beginnen Magersüchtige zu hungern; fangen Bulimikerinnen an, maßlos zu essen und sich anschließend zu übergeben; finden Ess-Süchtige Trost in der ersten Ess-Attacke. Im Versuch sich Erleichterung zu verschaffen, erleben die Betroffenen die beginnende Ess-Störung erst einmal als Lösung.
